Wolfgang Scharfe Kapitel 2.1
Katalanischer Weltatlas 1375 Seite: 2

Interessanterweise ist die Zeit um 1375 für die Vergangenheit unseres Raumes noch in einer anderen Hinsicht von besonderer Bedeutung. Eine Vielzahl von Siedelungen, wie sie im Zuge der deutschen Ostsiedelung seit dem 13. Jahrhundert in Berlin-Brandenburg entstanden war, wird im "Landbuch Kaiser Karls IV." aus dem Jahr 1375 erstmals urkundlich erwähnt. Mit den in diesem "Landbuch" enthaltenen topographischen Daten läßt sich zweifelsfrei der Eindruck korrigieren – wie er bei der Betrachtung des Katalanischen Weltatlas entstehen könnte –, es handele sich bei den Gebieten zwischen Elbe und Weichsel zu dieser Zeit um siedelungsleere Räume.
Das "Landbuch" entstand als Ortsverzeichnis wie als Register der verschiedenen Abgaben und Steuern pro Ort an die weltlichen und geistlichen Gewalten lokaler, regionaler und überregionaler Reichweite, die im wesentlichen auf dem zeitgenössischen Feudalsystem beruhten. Die Erhebungen für das Landbuch wurden von kaiserlichen Beamten durchgeführt und dienten dazu, dem damaligen Landesherrn eine Übersicht über die Einkünfte aus diesem Territorium zu verschaffen.
Die nach dem Landbuch rekonstruierte Karte (Abb. 2.1-3) spiegelt beispielhaft die flächenhafte Kulturlandschaft der Mittelmark wider, wie sie im Rahmen slawischer Stammesgebiete durch zugewanderte, überwiegend niederdeutsche Siedler entstanden war. Die Neusiedler legten inmitten der nur lokal dicht bevölkerten slawischen Bereiche Netze von ländlichen und städtischen Siedelungen nach den gesellschaftlichen und funktionalen Vorbildern des Altreiches an. Zu diesen Vorbildern gehörten das Feudalsystem ebenso wie die Rolle der Siedelungen des "Platten Landes" als Lieferanten von Grundnahrungsmitteln und forstlichen Rohstoffen sowie der Städte als "zentralen Orten" des Handwerks und der Vermarktung von lokal produzierten und regional bzw. überregional herantransportierten Waren aller Art. Die in der Karte verzeichneten "Straßen" stehen stellvertretend für breitgefächerte "Bänder" von Straßenzügen, die frei wählbar waren, aber Knotenpunkte in den Städten und den markgräflichen Zollstätten fanden. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der größte Teil des Warenverkehrs die Wasserwege benutzte, da Landwege nicht gebahnt wurden und Flüsse bzw. Niederungsgebiete nur an wenigen Stellen ganzjährig problemlos gequert werden konnten. Allerdings darf die am Ende des 14. Jahrhunderts in unserem Raum ansässige Bevölkerung pro Stadt nur mit wenigen Hundert, pro Dorf nur mit deutlich weniger als hundert Menschen angesetzt werden (zum Vergleich Havelland um 1800: Mehrzahl der Dörfer zwischen 50 und 350 Einwohner, 6 Flecken/Kleinstädte 700–1.300 Einwohner, 3 Städte 2.500–4.800 Einwohner, Brandenburg/Havel 10.200, Potsdam 18.000 Einwohner).
Kenntnisse über den Raum der heimatlichen Gemarkung und ihrer näheren Umgebung hinaus blieben zu dieser Zeit wie in den folgenden Jahrhunderten auf eine zahlenmäßig kleine Schicht von Entscheidungsträgern (Beamte, gebildete Adelige und Kaufleute) sowie von zur Mobilität gezwungenen Berufen (z. B. Handwerksgesellen, Schiffer, Soldaten) beschränkt; die "breite Öffentlichkeit" konnte weder schreiben noch lesen.

Berlin 1375

Abb. 2.1-3 Berlin und Umgebung nach dem Landbuch von 1375. Siedlungen und Straßen.




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