Wolfgang Scharfe Kapitel 2.2
Von Ptolomäus zu Mercator Seite: 1

Die Gelehrten-Kartographie des 15. und 16. Jahrhunderts

Das "geographische" Werk von Claudius Ptolemäus mit den Koordinaten von mehr als 8.000 topographischen Elementen der antiken Ökumene (Europa, Asien, Afrika) sowie Anweisungen zum Entwurf von "Welt"- und Regionalkarten fand im Gegensatz zu seinen astronomischen Arbeiten erst 1406 im Gepäck von byzantinischen Emigranten den Weg nach Norditalien. Vor allem in Florenz wurden die Texte der "Geographia" (auch "Cosmographia") samt den meist 26 oder 27 Karten vom Griechischen ins Lateinische übersetzt, und seit etwa 1415 entstanden zahlreiche handschriftliche Kopien, die rasch Verbreitung fanden. Die gelehrte Welt – vor allem diejenige Italiens – kannte die kartographische Methodik des Ptolemäus bereits und hatte sie teilweise auch weiterentwickelt, als die ersten gedruckten Ptolemäus-Ausgaben in Vicenza (1475, ohne Karten), Bologna (1477, mit Karten), Rom (1478 ff.) und Florenz (1482) erschienen. 1482 wurde auch die erste Ptolemäus-Ausgabe in Deutschland veröffentlicht, und zwar in Ulm, und zugleich ähnlich wie diejenige von Florenz mit 27 "Tabulae antiquae" ("alten" Karten) sowie mehreren "Tabulae modernae" ("modernen" Karten). Während die "alten" Karten mit den zeitgenössischen ptolemäischen topographischen Elementen und Bezeichnungen des 2. Jahrhunderts n. Chr. entworfen wurden, gaben die "modernen" Karten den jeweiligen aktuellen Stand der räumlichen Kenntnisse des 15. bzw. 16. Jahrhunderts wieder.
Die "Tabula antiqua" von "MAGNA GERM[A]NIA" (Groß-Deutschland) der Ulmer Ptolemäus-Ausgabe 1482 (Abb. 2.2-1) zeigt dementsprechend ein Bild unseres Raumes mit den Regionen germanischer Stämme zwischen Elbe, Oder und Weichsel zur Römischen Kaiserzeit. Ähnlichkeiten mit dem Kartenbild des Katalanischen Weltatlas sind nicht erkennbar.

Magna Germania

Abb. 2.2-1 Magna Germ(a)nia. Ulm 1482. Holzschnitt. Ausschnitt.
SBB Kart 41 KD 1.

Bereits deutlich vor 1482 sind kartographische Darstellungen aus Italien nachweisbar, die erstmals Elemente des Raumes Berlin-Brandenburg im Sinne ptolemäischer "moderner" Karten enthalten. In der Mitte des 15. Jahrhunderts, möglicherweise sogar bereits um 1437/39 schuf der in Kues an der Mosel geborene Kardinal und Kirchenpolitiker Nicolaus Cusanus (1401–1464) eine Karte Mitteleuropas, die sich gegenwärtig erst mit dem 1491 erschienenen Kartendruck der sogenannten "Eichstätter Ausgabe" belegen läßt (Abb. 2.2-2). Die Cusanus-Karte enthält für unseren Raum acht Städte (Bad Freienwalde, Bad Wilsnack, Brandenburg, Eberswalde, Frankfurt, Havelberg, Küstrin, Werben) sowie die Regionalbezeichnungen "Antiqua Marchia" (Altmark) und "Nova Marchia" bzw. "Marchia Nova" (Neumark). Diese topographischen Elemente weisen wie das Flußnetz nach Lage bzw. Schreibweise noch erhebliche Fehler auf, was mit Sicherheit auf eine textliche, nicht aber auf eine kartographische Quellenüberlieferung schließen läßt. Die Bezeichnung "Neumark" an zwei verschiedenen Stellen der Karte ist ein in der Kartographie des 15.–17. Jahrhunderts charakteristisches Merkmal dafür, daß der Kartenzeichner zwei verschiedene Quellen vor sich hatte; beide berücksichtigte er mit der Vermutung, sie träfen auf den so gekennzeichneten Raum zu.
Um 1492 ist die Mitteleuropa-Karte des Florentiner Kosmographen und Verlegers Francesco Roselli (Abb. 2.2.-3) datiert, die über die bei Cusanus verzeichneten Orte hinaus zwei weitere Städte (Ruppin, Oderberg) mit z. T. stark verfälschten Ortsnamen, aber die gleichen Regionalbezeichnungen (je einmal) enthält. Die inhaltlichen Ähnlichkeiten dieser frühen Darstellungen werden infolge der deutlich unterschiedlichen graphischen Stile beider Karten erst durch eine Analyse der Inhalte erkennbar. Die Tatsache, daß fast alle verzeichneten Orte an Flüssen oder in direkter Nähe von Flüssen liegen, ist ein Indiz für die Herkunft der Quellen.
Beide Karten entstammen der "Gelehrten-Kartographie" des 15.–17. Jahrhunderts, die – mit der Ptolemäus-Methodik genauer Ortslagen als Grundlage – auf der Sammlung und – soweit möglich – der kritischen Überprüfung von Quellen beruhte, die die gelehrten Kartographen durch Korrespondenz mit anderen Gelehrten, aber auch mit Fürsten und Städten erhielten. Obwohl der Berlin-Brandenburg betreffende Inhalt beider Karten durch Veröffentlichungen in den nächsten Jahrzehnten vermehrt und verbessert wurde, sind die Mitteleuropa-Karten von Cusanus und Roselli noch bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts von Verlegern und Kartographen als teilweise einzige Quellen für die Darstellung unseres Raumes benutzt worden.

Parva Germania

Abb. 2.2-2 Nicolaus Cusanus: Parva Germania tota tabella. Eichstätt 1491. Kupferstich. Ausschnitt.
SBB Kart 41 KD 1.

Florenz 1492

Abb. 2.2-3 Francesco Roselli: (Mitteleuropa). Florenz um 1492. Kupferstich. Ausschnitt.
Biblioteca Nazionale Florenz. (Die Vorlage ist Herrn Peter H. Meurer zu verdanken).



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