Wolfgang Scharfe Kapitel 3.2
Von der Gemarkungskarte zur Landesaufnahme Seite: 12

Der weitere Verlauf der Urbarmachung des Warthebruchs endete in einem Desaster:

Lediglich im Bereich der Domänenämter und der Stadt Landsberg/Warthe sind die vorgesehenen Maßnahmen in etwa planmäßig abgeschlossen worden. 1775 wurde die Immediat-Kommission aufgelöst und v. Brenkenhof nach Pommern versetzt. Petri starb 1776. Drei Jahre später standen Schartow, Hahn und weitere Beamte unter dem Vorwurf vor Gericht, sich durch Betrügereien bereichert zu haben, was - auch anhand von Karten - nachgewiesen wurde. Die Fertigstellung der Arbeiten im Warthebruch 1779-1785 übernahm ein Ordensbeamter, der alle von Schartow und Hahn angeordneten Kartierungen wiederholen ließ. Im Warthebruch sind über 12.000 neue Siedler (Stand um 1800) angesetzt worden.

Mit der Verlegung der Warthemündung bei Küstrin auf die Ostseite der Festung (Friedrich-Wilhelms-Kanal) 1787/88 war schließlich für die Warthebruch-Melioration wie für die gesamte Urbarmachung von Oder-, Warthe- und Netzebruch ein Schlußstein gesetzt. Die Meliorationsarbeiten hatten rund 35 Jahre gedauert und rund 30.000 Menschen als Neubürger nach Brandenburg geführt. Brandenburg-Preußen war im Frieden gleichsam um eine neue Provinz gewachsen.

Die Rolle, die Feldmesser und Kartographen bei diesem großen Kulturwerk gespielt haben, war fundamental:
1. Die Karte als räumliches Informationssystem ist in der Mehrzahl der Fälle die Grundlage gewesen, um anhand des Ist-Zustandes den Soll-Zustand des Planungsziels inhaltlich wie graphisch festzulegen, daran die Durchführung der geplanten Maßnahmen zu überwachen und schließlich den erreichten Soll-Zustand zu dokumentieren. Dabei sind topographische Vermessungen und kartographische Darstellungen in verschiedenen Maßstäben für große Gebiete erstmals durchgeführt worden.
2. Wir begegnen dabei zwei Gruppen von kartographisch Tätigen:

3. Durch die kartographisch großmaßstäbliche und sorgfältige Erfassung komplexer Planungsräume von der Größe von Oder-, Warthe- und Netzebruch hat bei politischen Entscheidungsträgern wie auch bei einigen Betroffenen vor Ort die Einsicht in die Notwendigkeit derartiger Prozesse eingesetzt und damit die kartographische Tätigkeit im friderizianischen und postfriderizianischen Brandenburg-Preußen generell entscheidend gefördert. Die Sicht auf das eigene Territorium im Sinne eines diffizilen Raumgefüges einerseits und eines Objektes für weitreichende Entscheidungen andererseits konnte erstmals der politischen Sphäre bewußt gemacht werden. Der “Administrativ-statistische Atlas vom Preußischen Staate”, der als komplexer Nationalatlas 1827/28 in Berlin erscheinen sollte und vom Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dem späteren König Friedrich Wilhelm IV., in Auftrag gegeben worden war, kann als direktes Ergebnis des hier angesprochenen Prozesses der komplexen Sicht auf das eigene Territorium betrachtet werden (vgl. Kapitel 6.1).

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