Wolfgang Scharfe Kapitel 3.2
Von der Gemarkungskarte zur Landesaufnahme Seite: 18

Die 1700 gegründete Societät der Wissenschaften in Berlin versuchte bereits 1701, die Oberleitung für die Landesvermessung in Brandenburg-Preußen zu erlangen, scheiterte aber, weil den Mitgliedern der Societät die Kompetenz für derartige Unternehmungen fehlte.
Rund 40 Jahre später, nachdem die Societät unter Friedrich Wilhelm I. keine Bedeutung besessen hatte und Friedrich II. zwar ihren Wert erkannte, aber ihren Etat möglichst klein zu halten trachtete, wurde der Plan gefaßt, das Image und den Etat der Akademie durch ein Landkartenprivileg und den Vertrieb von wissenschaftlichen Geräten aufzubessern. Dieser Plan mündete in das 1747/48 erteilte königliche Privileg für die Akademie, selbst Karten anfertigen und herausgeben zu dürfen; ausländische Karten dagegen, vor allem diejenigen von Homann in Nürnberg, sollten erst nach Erteilung eines Akademie-Stempels und Bezahlung einer Gebühr in Brandenburg-Preußen vertrieben werden dürfen. Das Stempelgebühr-Privileg erwies sich aus verschiedenen Gründen als nicht durchführbar. Trotzdem sind die Karten, die die Akademie herausgab, noch bis nach 1786 mit Akademie-Stempeln versehen worden.
Die Absicht, durch Herstellung und Vertrieb eigener Karten wirtschaftliche Erfolge zu erzielen, erwies sich als schwierig. Die kartographischen Aktivitäten des Reichsgrafen v. Schmettau, den Friedrich II. 1744 zum ersten Kurator der Akademie ernannte, führten zur Herausgabe des bereits oben erwähnten großformatigen “Plan de la Ville de Berlin ...” im Jahre 1747 (vgl. Abb. 3.1.2-4) und des “Nouvel Atlas de marine ...” 1749. Während der Schmettausche Stadtplan zu einem Prototyp für Berlin-Pläne wurde, blieb der wirtschaftliche Erfolg des Seeatlas bescheiden.
Für die kartographischen Arbeiten der Akademie stand seit 1752 Johann Christoph Rhode († 1786) zur Verfügung, der als ehemaliger Mitarbeiter des Grafen Schmettau zwar mit dem Titel eines “Geographen” der Akademie, aber nur recht bescheidenem Gehalt ausgestattet wurde. Zusammen mit seinem älteren Bruder Andreas August Rhode († vor 1774) hat J.C. Rhode seit 1766 an Karten für die Akademie gearbeitet.
Das wohl erfolgreichste Projekt der Akademie wurde der Schulatlas (Abb. 3.2-22), der seit 1748 geplant und durch den Einsatz von Leonhard Euler auch realisiert wurde. 1753 erschien die 1. Auflage des “Atlas geographicus omnes orbis terrarum regiones in XLI tabulis ... /Atlas géographique représentant en XLI cartes toutes les regions de la terre ...” mit einem Vorwort von Euler. Die 2. Auflage mit deutschem Haupttitel “Geographischer Atlas, bestehend in 44 Land-Charten, ...” wurde 1760 veröffentlicht, die 3. unverändert im Jahre 1777.

Abb. 3.2-22 Kgl. Preußische Akademie der Wissenschaften: Geographischer Atlas. Berlin 1760.
Bl. 22: Tabula Geographica Circ. Saxoniæ Superioris et Inferioris ...
(Ober- u. Niedersächsischer Kreis). Kolor. Kupferstich. Ausschnitt. SBB Kart B 730a-22.


Der Vorteil des Schulatlas der Akademie, ein dem Unterrichtszweck angepaßtes Kartenformat von 35 cm x 23 cm zu bieten, während andere dem Titel nach für den Schulgebrauch vorgesehene Atlanten das große Homannsche Landkarten-Format von 52 cm x 32 cm verwendeten, standen auch erhebliche Nachteile gegenüber. Vor allem waren die Karten inhaltlich von sehr unterschiedlicher Qualität und auch nicht von einem kartographischen Fachmann bezüglich der Maßstäbe, der Ortslagen und der geographischen Namensschreibung vereinheitlicht worden. Weiterhin hatte man bei der Gestaltung der Preise von Atlas (3 Thaler 12 Groschen, später 3 Thaler) und Einzelkarten (2 Groschen) nicht darauf geachtet, daß es außer in Berlin in weitem Umkreis keine Schule gab, auf der das Unterrichtsfach Geographie gelehrt wurde, und daß die entsprechenden Karten von Homann und Seutter mit ihrem größeren Format auch für den Preis des Atlas erhältlich waren. Die Verkaufszahlen der Karten des Schulatlas pro Jahr schwankten zwischen 606 (1753), 11.302 (1758), 2.443 (1764) und 3.837 (Mittelwert 1766-1772).
Die Notwendigkeit zu einer inhaltlichen Verbesserung und Erweiterung des Schulatlas wurde von seiten der Akademie eingesehen, doch die 3. Auflage erschien ohne derartige Veränderungen, mit denen J.C. Rhode beauftragt wurde. Dabei blieb es bis 1786.
Weitere Veröffentlichungen der Akademie unter maßgeblicher Beteiligung von J.C. Rhode waren die “Deutsche Postcharte” (1755) sowie Karten des Kriegstheaters in Nordamerika (1757), der Landgrafschaft Hessen (1761), von Pommern (4 Blätter 1761-1764), von Preußen (nach 1764), von Mecklenburg (1765), vom Tiergarten bei Berlin (1765), von Bremen und Verden sowie Bayern (1767), von Rußland (3 Blätter 1769), des Herzogtums Lauenburg (1771), der Diözese Aggerhus und des Kriegstheaters zwischen Österreich, Rußland und der Türkei (1786). Ein großer Erfolg wurde der 1772 von J.C. Rhode gestaltete “Neue Geometrische Plan der Königlichen Haupt und Residenzstadt Berlin”.
Bis auf die beiden Stadtpläne von Berlin und den Plan des Tiergartens weist der Kartenkatalog der Akademie bis 1786 keine Darstellungen von Brandenburg auf. Allerdings hatte Andreas August Rhode von der Akademie den Auftrag erhalten, eine “General-Carte von der Churmark Brandenburg” zu liefern, die er unter Benutzung zahlreicher Spezialkarten anfertigte und im Juli 1766 vorlegte. Die Akademie hoffte, durch die Veröffentlichung dieser Karte einen guten Gewinn erzielen zu können, und glaubte nicht, den Einspruch des Königs befürchten zu müssen. Trotzdem entschloß man sich, die königliche Genehmigung zur Publikation einzuholen und - stieß in ein Wespennest: Der König ließ die Akademie umgehend wissen, daß diese Karte bei ihrer Veröffentlichung den abgebildeten Gegenden Brandenburg-Preußens früher oder später nur Nachteile bringen würde. Karten von ausländischen Gegenden könnte die Akademie dagegen nach Herzenslust stechen lassen. Die klare Äußerung königlichen Unmuts verhinderte bis zum Tode Friedrichs II. die Veröffentlichung einer zeitgemäßen Karte von Brandenburg. Diese Lücke ist dann 1773 durch die Brandenburg-Karte von Franz Ludwig Güssefeld - erschienen bei Homann Erben in Nürnberg - geschlossen worden.

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