Gerd Krüger und Jörg Schnadt Kapitel 4.2
Deutsches Reich Seite: 5

Geodäsie und Kartographie im Dritten Reich 1933 - 1945

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten leitete in Deutschland einen rigorosen Wandel des Vermessungswesens und der Kartographie ein. Durch das bereits 1934 erlassene “Gesetz über die Neuordnung des Vermessungswesens” wurde das Vermessungswesen Reichsangelegenheit unter Leitung des Ministeriums des Innern. Eine Reichsmessungsordnung sollte ein zentral geleitetes, einheitliches und leistungsfähiges Vermessungswesen ermöglichen und die bisherigen Sonderentwicklungen in den Ländern beenden. Karten hatten eindeutig Vorrang vor dem Vermessungszahlenwerk.
Auf allen Leitungsebenen wurde strikt das “Führerprinzip” durchgesetzt, d.h. Beratungen, Diskussionen, Konsensbildung, Kompromisse und demokratische Mehrheitsentscheidungen entfielen weitgehend. Damit hatte sich der an sich sinnvolle Ansatz einer einheitlichen Vermessung und Kartographie selbst ad absurdum gestellt. 1935 wurde der 1933 aufgelöste “Deutsche Verein für Vermessungswesen” (DVW) mit neuer Satzung als “Deutscher Verein für Vermessungswesen im (1934 gegründeten) Nationalsozialistischen Bund deutscher Technik” wieder zugelassen. Neumitglieder des DVW mußten den Arier-Nachweis erbringen. Im gleichen Jahr erfolgte die Auflösung des “Beirats für Vermessungswesen”.
1937 wurde als Winkelmaß im Vermessungsdienst die 400gon Neugradteilung verbindlich eingeführt.
Das Reichsministerium des Innern verfügte 1938 durch die Bildung von 14 Hauptvermessungsabteilungen (HVA) im Deutschen Reich (Berlin-Brandenburg HVA IV) eine völlige Neuordnung der Vermessungsverwaltung. Aus diesen Hauptvermessungsabteilungen gingen nach dem 2. Weltkrieg die Landesvermessungsämter hervor. Im gleichen Jahr trat Deutschland erneut der “Internationalen Vereinigung für Geodäsie” bei, aus der das Reich seit 1918 ausgeschlossen worden war. 1939 erfolgte die Bildung eines “Forschungsbeirates für Vermessungstechnik und Kartographie” zur Koordinierung und Förderung aller zukunftsgerichteten geodätischen und kartographischen Aktivitäten. Zwar wurde 1940 noch ein Runderlaß zum Reichspunktfeld mit dem Ziel veröffentlicht, ein einheitlich hierarchisch aufgebautes geodätisches Festpunktfeld mit anspruchsvollen Genauigkeitskriterien zu errichten; doch die Kriegshandlungen ließen eine Realisierung des angestrebten Ziels ebensowenig zu, wie auch andere geodätische und kartographische Vorhaben Deutschlands eingestellt werden mußten. Nur noch kriegswichtige geodätische und kartographische Arbeiten, vor allem die Schaffung der verschiedenen regionalen Ausgaben der Deutschen Heereskarte für den Truppeneinsatz wurden unter hohem Personal- und Materialeinsatz durchgeführt.
1935 wurde erneut ein Vorstoß unternommen, die topographische Grundkarte 1 : 5.000 (und die Katasterplankarte) als Einheits- oder Universalkarte - eine Forderung von General Baeyer von 1856 - zu initiieren (2. Version des Musterblattes). 1936 regelte der “Landesgrundkartenerlaß” Herstellung, Laufendhaltung, Vervielfältigung und Vertrieb der “Deutschen Grundkarte 1 : 5.000” auch unter Verwendung von Luftbildern, und ein Jahr später ist dann die Deutsche Grundkarte zum Reichskartenwerk erklärt worden. Der Kriegsausbruch verhinderte, daß sich diese Karte allgemein durchsetzte.
Auch die “Deutsche Karte 1 : 50.000” (Abb. 4.2-11) ist 1935 zum Reichskartenwerk erklärt worden. Bei Kriegsende lagen jedoch lediglich 29 Blätter im alten und 47 Blätter im neuen Blattschnitt vor. Im Gegensatz zur Deutschen Grundkarte 1 : 5.000 hat die Deutsche Karte 1 : 50.000 in dieser Form nach 1945 keine Fortsetzung gefunden.

Deutsche Karte, Blatt Reppen

Abb. 4.2-11 Deutsche Karte 1 : 50.000. Blatt 547 Reppen. Berlin 1927. Ausschnitt. FU Berlin FR Kartographie.

Nach 10 Jahren wurde zwar 1937 die Bearbeitung der Topographischen Übersichtskarte des Deutschen Reiches 1 : 200.000 wieder aufgenommen, bei Kriegsende waren aber immer noch 11 Blätter nicht fertiggestellt. Ungeachtet dessen hat die Topographie dieser Übersichtskarte einigen wichtigen thematischen Kartenwerken zugrunde gelegen, so bereits 1913 der “Fliegerkarte”, später dann der “Karte der Gemeindegrenzen”, der “Geologischen Übersichtskarte von Deutschland” sowie der “Karte der nutzbaren Lagerstätten Deutschlands” - jeweils im Maßstab 1 : 200.000.

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