Andreas Matschenz Kapitel 5
Vom Marienturm zum Trümmerberg
Berliner Vermessung 1876 - 1945
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Vom Fenster seiner Plankammer im Stadthaus am Molkenmarkt hatte Vermessungsdirektor Friedrich Radbruch einen guten Ausblick auf das Berliner Rote Rathaus und auf den Turm der Marienkirche. Seit 1912 stand er nun in Magistratsdiensten, und diese markanten Bauwerke waren dabei im doppelten Sinne für ihn Bezugspunkte: Mit dem Gesetz “betreffend die Anlegung von Straßen und Plänen in Städten und ländlichen Ortschaften” vom 2. Juli 1875 wurde die Vermessung der Stadt eine kommunale Angelegenheit. Unter der Leitung des ehemaligen Kieler Landmessers Knud Wasa v. Höegh (seit 18. Juli 1876 erster Berliner Vermessungsdirektor) wurde an die preußische Triangulation angeknüpft. Der Marienturm, zentraler Berliner Dreieckspunkt der Preußischen Landesaufnahme, wurde somit zum Mittelpunkt der städtischen Neuvermessung. Mit einem Stab von zehn Landmessern und 35 Vermessungstechnikern sowie auf der Grundlage eines dichten Netzes von 563 Dreieckspunkten I. bis IV. Ordnung, von ca. 3.000 Polygonpunkten sowie anfangs 1.630 Höhenfestpunkten wurde bis 1898/99 ein exaktes und international anerkanntes Vermessungswerk für Berlin geschaffen. Vor und während der Neuvermessung suchte der Magistrat den Vergleich mit anderen europäischen Groß städten, um die modernsten technischen Methoden und Vermessungsergebnisse zu erkunden, auszuwerten sowie zu dokumentieren: Die Pläne sind noch heute in der Kartensammlung des Landesarchivs Berlin zu finden. Auf der Basis von ca. 9.600 Handzeichnungen der Stückvermessung wurden schließlich rund 2.150 “Specialpläne” im Maßstab 1 : 250 (Abb. 5-1), 210 “Übersichtspläne” im Maßstab 1 : 1.000 und 167 “Pläne” im Maßstab 1 : 2.000 gezeichnet und in Kupfer gestochen. Für das Kartennetz der Neuvermessung bildete inzwischen der oben erwähnte Rathausturm den neuen Koordinatennullpunkt.

Specialplan

Abb. 5-1 Specialplan I.1.n. I.11.a. Aufgenommen und kartiert 1878/79 durch das
Vermessungsbureau des Magistrats. Maßstab 1 : 250. Druck von H. Petters
Kartogr. Institut Hildburghausen. Ausschnitt. LAB Kartenabt. A 1999.


An der Drucklegung waren mehrere private Berliner Verlage beteiligt. Die führende Position konnte angesichts der ausgezeichnet hohen Qualität seiner kartographischen Produkte jedoch der Verlag von Julius Straube erlangen. “Es sind mir im Laufe der letzten 10 Jahre von verschiedenen Seiten Offerten gemacht worden, die Bilder der Kupferplatte genau zu Papier zu bringen; der Beweis des Könnens ist aber ausser von Ihnen in keinem Falle erbracht worden”, bescheinigte in einem Brief der Vermessungsdirektor Höegh dem Verleger am 1. Juni 1889.
Auf der Grundlage der oben genannten Kartenwerke in den Maßstäben 1 : 250, 1 : 1.000 und 1 : 2.000 wurden der “Übersichtsplan von Berlin” im Maßstab 1 : 4.000 im Mehrfarbendruck (Abb. 5-2) sowie “Pläne” in den Maßstäben 1 : 10.000 (Abb. 5-3) und 1 : 15.000 veröffentlicht.

Übersichtsplan Berlin

Abb. 5-2 Übersichtsplan von Berlin. Blatt I.A. Nach den städt. Specialplänen (1876-1881)
gezeichnet, berichtigt 1908. Maßstab 1 : 4.000. Stich und Druck vom ... Landkartenverlag
von Julius Straube Berlin. Ausschnitt. LAB Kartenabt. A 2012.


Straubes Übersichtsplan

Abb. 5-3 Straubes Übersichtsplan von Berlin. Auf Grund der städt. Neuvermessung und unter Mitwirkung
des Vermessungsamtes Berlin Berlin bearbeitet und herausgegeben vom ... Landkarten-Verlag Jul. Straube,
Berlin W 57. 1917. Maßstab 1 : 10.000. Ausschnitt. LAB Kartenabt. Acc. 2412, Nr. 2.



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