Andreas Matschenz Kapitel 5
Vom Marienturm zum Trümmerberg
Berliner Vermessung 1876 - 1945
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Neben den erwähnten Widerständen gegen eine zentrale Verwaltung verhinderte eine Vielzahl zusätzlicher und neuer Aufgaben die Vermessung der großflächigen “weißen Flecken” im Berliner Weichbild. Außer durch die engagierten Projekte des sozialen Wohnungsbaus und den traditionell stark geförderten Verkehrsausbau wurde das Zentralvermessungsamt ab 1922 mit Aufgaben belastet, die ursprünglich in der Zuständigkeit der Katasterverwaltung lagen. Besonders die Schätzung des städtischen und privaten Grundbesitzes für die “Hauszinssteuer” zog viele Mitarbeiter von den Neuvermessungen ab.
Trotz des großflächigen Nachholbedarfs hatten technische Innovationen in der Berliner Vermessung wenig Chancen. So bot im Frühjahr 1928 ein großes photogrammetrisches Projekt des Stadtplanungsamtes auch der Vermessungsverwaltung bis dahin unbekannte Möglichkeiten. Die Firma Hansa Luftbild GmbH wurde beauftragt, auf der geodätischen Grundlage des Kartenwerks 1 : 4.000 (Kartennetz Müggelturm) einen Luftbildplan zu produzieren. Innerhalb nur eines halben Jahres konnte die gesamte Fläche Berlins aufgenommen werden. Die photographischen Vorlagen wurden mit hochentwickelter Technik zu einer unverzerrten Senkrechtaufnahme (Orthophotos) im Maßstab 1 : 4.000 umgearbeitet. Ein Vergleich des finanziellen Aufwandes für die Herstellung eines Kartenblattes 1 : 4.000 in traditioneller Weise mit der Produktion eines entsprechenden Luftbildplans ergab Kosten von jeweils gleicher Höhe. Mit dem photogrammetrischen Verfahren konnte jedoch ein Blatt innerhalb einer Woche produziert werden, während die traditionelle Vermessung dafür drei Monate benötigte, sofern die Vermessungsbeamten dafür überhaupt abgestellt werden konnten. Trotz dieses überzeugenden Arguments wurde lediglich in einem Bezirksamt “versuchsweise” die Produktion eines Planes auf der Grundlage der Luftbilder in Auftrag gegeben.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 hinterließ in der Berliner Vermessung tiefe Spuren. Wie in allen staatlichen Strukturen Deutschlands wurde auch in der Berliner Verwaltung ein rücksichtsloses und bürokratisch perfektioniertes Räderwerk in Gang gesetzt. Schon das Gesetz “Zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” vom April 1933 leitete eine erste Entlassungswelle jüdischer Angestellter und Beamter wie politisch Mißliebiger ein. Spätestens 1938 wurden die zentrale Vermessungsverwaltung (seit 1935 “Hauptvermessungsamt”) und die Bezirksvermessungsämter direkt in den bürokratischen Vollzug der rassistischen Verfolgung von Berliner Juden eingebunden. Die neugegründeten und in die Vermessungsämter integrierten “Preisstellen” befaßten sich bis 1945 systematisch mit der Bewertung und Enteignung jüdischen Grundbesitzes. Sie leisteten damit Vorarbeiten für die Generalbauinspektion für die Reichshauptstadt (GBI) unter der Leitung von Albert Speer. Auf Anweisung Hitlers mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet, übernahm die GBI sämtliche städtebaulichen Planungen zur Neugestaltung Berlins (und anderer Städte). Mit den Anstrengungen zur Finanzierung der gigantomanischen Projekte sowie zur Versorgung mit Baumaterial und mit Arbeitskräften wurde die GBI nicht nur ein wichtiger Motor für die nationalsozialistische Ausplünderungspolitik in den besetzten Ländern. Mit den Neugestaltungsplanungen war ab 1938 auch die massenhafte Entmietung der Berliner Juden aus den “Interessengebieten” der GBI, ihre Vertreibung und schließlich ihre Ermordung verbunden. Das kartographische Bild dafür findet sich in den mit “Judenfreie Gebiete” betitelten Plänen, die auf der Grundlage des “Stadtplans” im Maßstab 1 : 4.000 entstanden (Abb. 5-7).

Judenreine Gebiete

Abb. 5-7 Der Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt ... Plankammer:
(montierter Kartenausschnit auf der Grundlage) Stadtplan von Berlin 1 : 4.000.
um 1940 mit der Beschriftung "Judenreine Gebiete". Ausschnitt. LAB Kartenabt. Bpl Nr. 2749.



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