Andreas Matschenz Kapitel 7.1
Versuch einer Retrospektive:
Berliner Stadtpläne seit 1920
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Wie die topographische Grundlage in den Verkehrsnetzplänen für das spezielle Thema einer radikalen Vereinfachung unterworfen wurde, so beinhaltete die sogenannte “Pressekartographie” bereits früh vergleichbare Verfahren. Obwohl sie in unserer Mediengesellschaft selbstverständlicher Teil der alltäglichen Informationsflut geworden ist, geriet sie erst in jüngerer Zeit in das Blickfeld der Forschung. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nutzten Tageszeitungen z.B. für die graphische Darstellung der Wetterprognose stark vereinfachte Karten. Küstenlinien und Ländergrenzen reichten als Raumbezug für die Darstellung des eigentlichen Themas – dem Wetter von Morgen - völlig aus. Neben Wetterkarten waren für die Zeitungsverlage zahlreiche andere Themen von kartographischem Interesse, z.T. auch im separaten Kartendruck.
Am 1. Oktober 1925 gründete der Berliner Magistrat das “Stadtamt für Leibesübungen”, eine koordinierende Behörde für das Turn- und Sportleben der Stadt. Sie verkörperte die konsequente Fortsetzung eines frühzeitigen Engagements zur gesundheitlichen Förderung der Berliner Bürger, vor allem für die durch den Krieg besonders betroffenen Jugendlichen. Da die Wirtschaftskrise kaum finanzielle Spielräume zuließ, gründete Oberbürgermeister Böss schon im Dezember 1921 eine Stiftung “Park, Spiel und Sport”. Sie wurde mit großzügigen privaten Spenden aus Industrie und Handel ausgestattet. Vor allem aus diesem Fonds und durch den Einsatz von Notstandsarbeitskräften (heute “ABM”) wurde der Bau von Volksparks, Spiel- und Sportplätzen, Turnhallen und Freibädern energisch vorangetrieben. Basis für die sportlichen Aktivitäten waren traditionell die zahlreichen rührigen Vereine, die sich auch am Bau von Sportplätzen beteiligten. Darüber hinaus entwickelte sich Berlin mit zwei neuen Hochschulen und einer Volkshochschule für Leibesübungen zu einem sportwissenschaftlichen Zentrum. Die überwiegende Zahl der heute noch stadtbildprägenden Erholungs- und Sportanlagen sind Ergebnis der erfolgreichen Magistratsarbeit der 1920er Jahre.
Für die “BZ am Mittag” im Ullstein-Verlag war die beeindruckende Bilanz dieser Arbeit Anlaß, einen Stadtplan zu produzieren (Abb. 7.1-3). Gezeichnet wurde er von der Graphikerin Dorothea Suffrian, die u.a. für den Ullstein-Verlag regelmäßig Bucheinbände und Illustrationen gestaltete. So überzeugt auch der vorliegende Plan weniger durch kartographische Genauigkeit als vielmehr durch seine graphische Gestaltung. Das Stadtbild erscheint stark vereinfacht mit den Hauptstraßenzügen, Bezirken und Ortsteilen, Wald- und Wasserflächen, markanten Orten und Baulichkeiten, Volksparks, Friedhöfen und Bahnlinien. Auf diese Weise entstand Raum für das Kartenthema: Insgesamt 324 Sport-, Fußball- und Tennisplätze wurden mit Ziffern im Plan nachgewiesen. In einer Tabelle sind sie mit Adresse, der Suchverweisung mittels Planquadrat, der Verkehrsverbindung und dem Träger bzw. “Verfügungsberechtigten” aufgeführt. Zusätzlich wurden die zahlreichen Turnhallen, Segel-, Ruder- und Kanu-Clubs, die Frei-, Fluß-, Luft- und Hallenbäder, die Eis- und Rodelbahnen, Skigelände sowie die Jugendherbergen mit Signaturen gekennzeichnet. Trotz dieser Informationsfülle ist der Plan gut lesbar - ein Ausweis für das graphische Können der Autorin.

Berliner Sportplätze

Abb. 7.1-3 Dorothea Suffrian: Berliner Sportplätze (mit sämtlichen Sportbauten und -anlagen).
Herausgegeben von der B.Z. am Mittag unter Mitarbeit des Berliner Stadtamts für Leibesübungen.
Druck: Ullsteinhaus Berlin. Berlin 1928. Maßstab ca. 1 : 60.000. Ausschnitt. LAB Kartenabt. A 1529.

Der 1. Weltkrieg, die Inflation und die Wirtschaftskrise in der ersten Hälfte der 1920er Jahre erzeugten - anders als nach 1945 - keinen spürbaren Niedergang in der Verlagslandschaft. Die Konkurrenz in der Berliner Verlagskartographie war groß: Kreativität, eine beständige Suche nach Marktlücken und eine größtmögliche Vielfalt im Verlagsprogramm waren gefragt. Der 1858 gegründete Geographische Verlag Julius Straube konnte sich trotz mehrfachem Wechsel des Eigentümers behaupten. Zwar mußte er Marktanteile abgeben, aber die kontinuierlich hohe Qualität seiner Karten und seine langjährigen Beziehungen zur Stadtverwaltung sicherten dem Verlag bis Anfang der 1940er Jahre eine Spitzenstellung bei der Produktion von Karten für die Stadt Berlin. Der letzte Plan von Julius Straube erschien 1946.
Die Berliner Stadtverwaltung der 1920er Jahre hatte vor dem Hintergrund der tiefgreifenden Wirtschaftskrise ein großes Interesse an der Vermarktung ihres Grundbesitzes, um ihre sozialen und stadtplanerischen Aufgaben erfüllen zu können. Voraussetzung dafür war eine regelmäßige Bestandsaufnahme in kartographischer Form (schon 1909 war ein solcher Plan erschienen). Als Grundlage dafür nutzte sie - wie auch für eine Vielzahl weiterer administrativer Darstellungen - den Übersichtsplan des Verlags Straube, eine Serie, die um 1884 als “Berlin und Umgegend” begann und bis zum Anfang der 1940er Jahre aufgelegt wurde. Trotz des relativ kleinen Maßstabs von 1 : 60.000 läßt der Plan die wichtigsten Aussagen gut erkennen. Die grüne Schraffur begrenzt neben dem Berliner Weichbild die städtischen Exklaven wie auch die brandenburgischen Kreise. Das gelbe Flächenkolorit weist auf die zentrale Aussage des Plans hin, den umfangreichen Grundbesitz der Stadt (Abb. 7.1-4). Ein graues Raster verdeutlicht dessen überwiegende Nutzung: die Jagen der Waldflächen und die Areale der Rieselfelder innerhalb und außerhalb der Stadtgrenze.

Liegenschaftsplan Berlin

Abb. 7.1-4 Straubes Grosse Spezialkarte der Umgegend von Berlin 1 : 60.000 - Liegenschaftsplan der Stadt Berlin
nach dem Stande vom 1. Januar 1929 ergänzt durch die in neuerer Zeit getätigten Guts- und Flughafenkäufe.
Bearbeitet im Zentralvermessungsamt der Stadt. Herausgegeben vom Geographischen Institut und Landkartenverlag
J. Straube. Berlin 1929. Maßstab 1 : 60.000. Ausschnitt. LAB Kartenabt. A 1526.



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