Jörg Albertz und Hartmut Lehmann Kapitel 7.4
Die Welt von oben
Kartographische Anwendungen von Luft- und Satellitenbildern
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Durchbruch in den 30er Jahren

Um 1930 hatte die Luftbildtechnik eine entscheidende Entwicklungsphase abgeschlossen und Anerkennung als selbständige technische Disziplin gefunden. Allein in Deutschland erschienen in diesem Jahr drei Lehrbücher der Photogrammetrie. An der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg wurde der erste speziell der Photogrammetrie gewidmete Lehrstuhl eingerichtet und mit Otto Lacmann (1887-1961) besetzt. Damit waren die Voraussetzungen zu einer immer breiteren Anwendung von Luftbildern zur topographischen Kartierung und zur Herstellung von Bildplänen geschaffen .

Beim “Reichsamt für Landesaufnahme” in Berlin war um 1925 mit der topographischen Kartierung nach Luftbildern begonnen worden. Man ging zunächst davon aus, daß die Photogrammetrie besonders zur Herstellung großmaßstäbiger Karten geeignet sei. Luftbilder wurden deshalb schon bei den ersten Arbeiten zur Schaffung der damals neuen “Topographischen Grundkarte 1 : 5.000” eingesetzt, die an der unteren Oder zwischen Hohensaaten und Stettin begannen (Seidel 1928). Bei dem flachen Gelände hat man nur den Grundriß photogrammetrisch gewonnen, die Höhenlinien wurden durch Flächennivellement im Gelände bestimmt. In den folgenden Jahren wurden die Arbeiten ausgeweitet und – nach einer Vergleichskartierung auf der Insel Sylt – bald auch die Höhenmessung photogrammetrisch durchgeführt (Nowatzky 1932).
Die guten Erfolge bei der Kartierung 1 : 5.000 veranlaßten das Reichsamt für Landesaufnahme dazu, auch bei der Neuaufnahme von Meßtischblättern im Maßstab 1 : 25.000 zur Luftbildauswertung überzugehen. Zuvor hatte das Amt diese Karten mehr als sechs Jahrzehnte mit Meßtisch und Kippregel aufgenommen und dieses Verfahren zu großer Vollkommenheit entwickelt. Deshalb waren die Vorbehalte groß, “... weil es ja eine bekannte Sache ist, daß technische Neuerungen zumeist von denjenigen heftig abgelehnt werden, die dieselbe Arbeit nur nach anderem Verfahren machen” (Nowatzky 1936). Auch bei der Kartierung im Maßstab 1 : 25.000 hat man in flachem Gelände anfangs nur den Grundriß aus Luftbildern abgeleitet, in bergiger Landschaft aber von Anfang an Grundriß und Höhenlinien.

Außer für Neuaufnahmen wurden Luftbilder auch zur Berichtigung von Meßtischblättern eingesetzt. Im Jahre 1936 stellte Franz Nowatzky (1885-1971), der sich als Abteilungsleiter im Reichsamt für Landesaufnahme große Verdienste um die Einführung der Photogrammetrie erworben hat, zusammenfassend fest, daß sich die Luftbildmessung “sowohl bei der Neuaufnahme als auch bei der Berichtigung der Meßtischblätter hervorragend bewährt [hat]. Sie ... ist daher so recht das neue Vermessungsverfahren unserer neuen Zeit.”

Bei der Anwendung der Luftbildmessung in der Kartographie stieß man aber auch schnell darauf, daß die topographischen Informationen durch Luftbilder in völlig anderer Weise vermittelt werden, als es Topographen und Kartographen bislang gewohnt waren. Es kommt auf das “Lesen” des Luftbildes an, erst später hat sich dafür der Begriff “Luftbildinterpretation” eingebürgert. Um in diese neuartige Aufgabe einzuführen, hat die Firma Hansa Luftbild GmbH 1934 zuerst das “Luftbild-Lesebuch” (Richter 1934) und später das Heft “Luftbild-Topographie” (Richter 1936) herausgegeben. Der Erfolg war enorm, es wurden weit über 10.000 dieser Hefte vertrieben.
Damit konnte die Nutzung von Luftbildern auch über die topographische Kartierung im engeren Sinne hinaus populär gemacht werden. Neben Erich Ewald hat auch Franz Nowatzky nachdrücklich auf diese Möglichkeiten hingewiesen: “Es gibt kein besseres Dokument vom jeweiligen Zustand eines Erdoberflächenstückes als das Luftbild.” Und er hat hinzugefügt: “Wie wertvoll wäre es z.B. für Vermessungswesen, Geographie, Geologie, Geschichte und Siedlungskunde, wenn neben der Karte ein Luftbildplan unseres ganzen Landes vorliegen würde.” (Nowatzky 1936).
Dieser Ruf wurde gehört. Die Entzerrung von Senkrecht-Luftbildern und die anschließende Montage und Reproduktion von “Bildplänen” hat sich verhältnismäßig schnell durchgesetzt. Damit konnte der reiche topographische Informationsgehalt der Luftbilder gut genutzt und weit verbreitet werden. Die praktische Bedeutung von entzerrten Luftbildern kann man daran ermessen, daß die Hansa Luftbild GmbH in Berlin mehr Entzerrungsgeräte als Stereokartiergeräte in Betrieb hatte. Zur Herstellung von Bildplänen wurden die entzerrten Luftbilder “montiert” (mittels Klebetechnik zusammengefügt), kartographisch bearbeitet und anschließend phototechnisch vervielfältigt.
Bis zum Beginn des 2. Weltkrieges sind zahlreiche Luftbildpläne im Maßstab und im Blattschnitt der Meßtischblätter hergestellt worden.

Dabei war die Luftbildtätigkeit während der 30er Jahre immer mehr auf eine Firma konzentriert worden. Die ursprünglich selbständigen Luftbildgesellschaften Aerokartographisches Institut AG in Breslau, Luftbild GmbH in Leipzig und die Luftbildabteilung der Photogrammetrie GmbH in München wurden mit der Hansa Luftbild GmbH vereinigt. Diese hatte ihre Zentrale in Berlin-Tempelhof und eine Reihe von mehr regional ausgerichteten und weitgehend selbständig arbeitenden Betriebsabteilungen in anderen Städten (Blaschke 1963). Die Firma verfügte im Jahre 1939 über 20 Stereoplanigraphen, 30 Entzerrungsgeräte (Abb. 7.4-10) und 15 Reihenmeßkameras; sie beschäftigte etwa 400 Mitarbeiter.

Entzerrungsgeräte

Abb. 7.4-10 Entzerrungsgeräte in den Räumen der Hansa Luftbild GmbH am Flughafen Berlin-Tempelhof (um 1940).



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